F.A.Q.

War der Wolf, geschichtlich betrachtet, ein Alpenbewohner?

Bis vor hundert Jahren gehörte der Wolf zum faunistischen Inventar auch der Alpen. Als schädliche Tierart eingeschätzt und jagdlich verfolgt, waren die letzten Wölfe in den Alpen in den 1920er Jahren erschossen worden.

Ist der Wolf in Italien nie ganz ausgestorben?

Nein, in Italien ist der Wolf nie ganz verschwunden, auch wenn das Risiko für das Aussterben der Art sehr hoch war: In den70er Jahren des letzten Jahrhunderts waren auf dem gesamten Staatsgebiet nur mehr etwa 100 Individuen übrig geblieben, welche auf die Berggebiete des mittleren und südlichen Apennins begrenzt waren. Die ersten Informationen zum damals verbliebenen Wolfbestand in Italien gehen auf die Arbeit zweier Wissenschaftler zurück: Luigi Boitani von der römischen Universität La Sapienza und Erick Ziemen vom Max-Planck-Institut in München. Die Beiden haben anfangs der 1970er Jahre im Auftrag des WWF die räumliche Verteilung der Art studiert und darauf hingewiesen, dass die Art ohne gezielte Schutzmaßnahmen bald vollkommen aussterben würde. Die Zeit war reif und in der öffentlichen Meinung hatte sich die Einstellung zum Wolf endlich geändert und ein neues Bewusstsein gebildet: Der Wolf wurde nicht mehr ausschließlich als Störfaktor empfunden, sondern auch ein wertvolles Element für die Biodiversität Italiens, welches es zu schützen galt, um das Gleichgewicht in den Ökosystemen zu gewährleisten. Diese neue Sensibilität liegt den ersten gesetzgeberischen Maßnahmen zum Schutz des Wolfes auf nationaler Ebene zugrunde: dem Ministerialdekret Natali aus dem Jahre 1971, mit welchem der Wolf aus der Liste der schädlichen Tiere gestrichen und die Verwendung von Giftködern verboten wurden. Dann das Ministerialdekret Marcora von 1976, mit welchem der Vollschutz der Art und das totale Jagdverbot verfügt wurden.

Können Bastarde zum Problem für die Wölfe in der freien Wildbahn werden?

Die Bastardisierung zwischen Wolf und Hund wird begünstigt durch das Phänomen der streunenden und herrenlosen Hunde. Die Hybridisierung stellt eine schwere Bedrohung für den Wolf dar, weil sie das Erbgut des Wolfes vermischt und zu Verhaltensänderungen und –verlusten von Eigenschaften führt, die sich durch die natürliche Selektion im Laufe von Jahrmillionen herausgebildet hatten. Die Bastardisierung bildet aus mindestens drei Gründen eine Gefahr für den Erhalt des Wolfes:

  1. Die Geburt von Bastarden und ihr Eindringen in die Wolfpopulation stellen eine Gefahr für das Überleben des Wolfes als reinrassige und eigene Art dar.
  2. Wegen der Verschärfung der Konflikte mit dem Menschen: Wolfbastarde verursachen dieselben Schäden wie Wölfe; die Schuld für diese Schäden wird aber den Wölfen angelastet, mit der Folge von negativem Image für den Wolf und abnehmender sozialer Akzeptanz für die Art.
  3. Wegen des rechtlichen Vakuums, nachdem die Bastarde derzeit von den nationalen Rechtsnormen nicht erfasst sind: Sie sind durch das Rahmengesetz über die Jagd (Gesetz 157/1992) nicht geschützt, aber auch nicht vom Gesetz über die streunenden Hunde erfasst (Gesetz 281/1991). Auch aus dem Reglement für die Abgeltung von Schäden sind die Wolfbastarde ausgeschlossen. Diese Situation bringt drückende rechtliche Probleme für das Management dieser Tierbastarde mit sich sowie bei der Abgeltung ihrer Schäden.

Was sind Bastarde?

Bastarde sind Kreuzungen zwischen Wölfen und Hunden: Wolf und Hund sind biologisch dieselbe Art und aus ihrer Verpaarung entstehen fruchtbare Bastarde. In den letzten zwanzig Jahren haben sich Beobachtungen von Wölfen mit morphologischen Abweichungen von den Standardmerkmalen des Italienischen Wolfes verdichtet: Schwarze oder gescheckte Exemplare, mit Afterklaue, weißen Zehennägeln, vorstehendem Unterkiefer, geänderter Zahnstellung wurden beobachtet. Des Weiteren haben die genetischen Analysen, welche mit ständig verfeinerten Methoden durchgeführt worden sind, ergeben, dass einige Exemplare von wildlebenden Caniden (in der Toskana und anderenorts) Bastarde nicht erst der ersten Generation sind, welche also nicht erst aus der ersten Einkreuzung zwischen einem Wolf und einem Hund stammen, sondern schon aus Einkreuzungen früherer Generationen. Solche Bastarde sind für die Gebiete Mugello, Siena, Amiata Grossetano und für den toskanischen Regionalpark Maremma nachgewiesen worden.

Werden Wölfe in Gehegen gezüchtet, um sie anschließend freizulassen?

Absolut nicht. In Tiergehegen werden keine Wölfe „gezüchtet“ und schon gar nicht, um sie freizulassen. Die Tiergehege sind zwischenzeitliche Pflegezentren, um verunfallte oder verletzte Tiere möglichst gesund zu pflegen. Diese Pflegezentren beherbergen Individuen nur dann auf Dauer, welche in der freien Natur nicht mehr leben könnten.

Wo kann ich Wölfe beobachten?

In der freien Natur ist der Wolf eine außerordentlich scheue Art, der man äußerst selten begegnen kann. Eine gute Möglichkeit, die Neugier über den Wolf zu stillen und gleichzeitig vieles über Biologie und Verhalten dieser Tierart zu lernen, ist der Besuch eines Wolfgeheges, wie jenes im Besucherzentrum von Entracque „Menschen und Wölfe“.

Wo werden die verletzten Wölfe gepflegt?

Verletzte Wölfe werden in Pflegezentren für die Wildtierfauna oder in geeigneten und für die Haltung dieser geschützten Art eigens ermächtigten Wildgehegen gepflegt.

Was mache ich, wenn ich einen toten oder verletzten Wolf auffinde?

Dann ist umgehend die für die Wildtiere zuständige Behörde im Fundgebiet zu verständigen. Diese Behörde ist der Staatsforstkorps, der Landesforstdienst, die Naturpark- oder die Nationalparkbehörde im jeweiligen Gebiet.

Was mache ich und was darf ich nicht machen, wenn ich einem Wolf begegne?

Der Mensch hat den Wolf seit jeher verfolgt und zwar so sehr, dass sich der Wolf von der menschlichen Nähe bedroht fühlt und sich selten annähern lässt. Jungtiere von Wölfen sind manchmal weniger misstrauisch, aber wenn sie bei guter Gesundheit sind, lassen auch sie den Menschen nicht näher kommen. Es gilt auch zu berücksichtigen, dass die Sinne des Wolfes besser ausgebildet sind als jene von uns Menschen. Wenn wir uns einem Wolf nähern können, ist es vielleicht auch deswegen, weil er unsere Witterung wegen der Windströmung vom Wolf weg nicht aufnehmen konnte. Für den Fall, einem Wolf zu begegnen, sollte man am besten gar nichts tun. Im Falle einer Nahbegegnung, welche den Wolf überrascht hat, werden uns wenige Augenblicke für seine Beobachtung bleiben und der Wolf wird fliehen. Hat er sich entfernt, sollen wir vermeiden, ihm zu folgen. Wenn wir erschrocken sind, sollten wir Lärm erzeugen, schreien und die Arme bewegen. Dies wird uns auch helfen, etwas Adrenalin abzubauen, welches durch diese aufregende Begegnung in unserem Körper entstanden ist. Im Falle der Beobachtung eines Wolfes aus der Ferne müssen wir uns nicht erregen, sondern wir sollten in Stille verharren: Genießen wir den Augenblick, der einer der seltenen Erinnerungsmomente an den scheuen Wolf sein wird, an ein Tier, das außerordentlich schwer zu beobachten ist. Wenn uns dann etwa die Beobachtung der Jagd des Wolfes auf ein Wildtier vergönnt sein sollte, dürfen wir auf gar keinen Fall in diesen Beutezug eingreifen, um die Beute vor dem Wolf zu retten: Der Wolf ist Teil der natürlichen Nahrungskette und als solcher zu respektieren. Sollten wir hingegen fressenden Wölfen über einem bereits geschlagenen Beutetier begegnen, vermeiden wir jedwede Störung und entfernen uns in Stille. Wenn die Wölfe erschreckt ob unserer Ankunft von der Beute ablassen und fliehen, sollten wir uns dem Beutetier nicht annähern und dieses auch nicht berühren.
Wenn Sie das Glück haben, einen Wolf zu sehen, notieren Sie Datum, Uhrzeit und Ort der Beobachtung und melden Sie Ihre Beobachtung an die Rufnummer 1515 oder an die lokalen Aufsichtsbehörden (Schutzgebietsverwaltung, Forstdienst): Ihr Beitrag ist wichtig für das Monitoring des Wolfes!

Ist es einfach, einen Wolf zu beobachten?

Diese Frage ist mit einem entschiedenen Nein zu beantworten. Einen Wolf zu sehen und zu beobachten ist extrem schwierig, es sein denn, man ist der unglückliche Hirte auf einer Alm, auf welcher die Weitetiere wiederholt Wolfangriffen ausgesetzt sind. Man denke nur daran, dass es Wissenschaftler und freiwillige Projektmitarbeiter gibt, welche in der Region Piemont die spontane Wiederkehr des Wolfes monitorieren und schon Dutzende und Aberdutzende Trittsiegel erhoben und Exkremente gesammelt haben, aber noch nie einem Wolf begegnet sind!

Wie verhalte ich mich, wenn mich ein Herdenschutzhund angreift?

Es kann vorkommen, dass wir auf unseren Wanderausflügen einer Herde von Haustieren mit Herdenschutzhunden begegnen. Herdenschutzhunde sind Hunde mit großer Körpergröße der Rassen Pyrenäenhund, Abruzzen-Schutzhund oder Maremmano, welche zum Schutz der Schafherde eingesetzt werden. Im Falle einer solchen Begegnung mit Herdenschutzhunden ist es wichtig, sich Folgendes zu vergegenwärtigen: Alle diese Hunde sind potentielle Beutejäger, und als solche verfolgen sie die „Beute“, wenn diese die Flucht ergreift. Das bedeutet, wenn uns dieser große, weiße Hund in einer aggressiven Haltung entgegenkommt, sollen wir unter keinem Umstand, auch wenn wir verängstigt sind, flüchtend davonlaufen. Auch wenn der Hund bedrohlich knurrt oder bellt, sollen wir nie (nie !) Steine nach ihm werfen, mit Stöcken schlagen oder sich ihm bedrohend zeigen. Durch ein solches Drohverhalten würde sich unsere Situation verschlechtern. Wir sollen Ruhe bewahren, vom Fahrrad absteigen, Kinder in den Arm oder an die Hand nehmen und auf den Hirten warten, der die Situation sicher wahrgenommen hat und den Hund zurückruft. In allen Fällen sollen wir stehen bleiben, den Hund näher kommen lassen, ruhig aber entschieden auf ihn einreden und ihm so zu verstehen geben, dass wir für die Herde keine Bedrohung sind. Wenn der Hirte nicht auftaucht und der Hund von unserer guten Absicht nicht überzeugt ist, sollen wir langsam rückwärtsgehen und uns entfernen, ohne dem Hund den Rücken zuzuwenden. Dann sollten wir einen anderen Weg in sicherem Abstand von der Schaf- oder Rinderherde nehmen, um unsere Wanderung fortzusetzen. Wenn man sich so verhält, wie oben beschrieben, löst sich die Angstsituation, ausgelöst durch Herdenschutzhunde, in der Regel, und wir können unsere Wanderung ohne weitere Hindernisse fortsetzen. In jedem Fall ist es, um Schwierigkeiten zu vermeiden, ratsam, sich den Weidetieren nicht weiter zu nähern und (noch schlimmer) die Herde nicht zu durchqueren und keines der Tiere zu streicheln. Annäherung und Streichelversuche lösen das andressierte Verteidigungsverhalten des Herdenschutzhundes aus. Hingegen sollten wir vorzeitig einen alternativen Weg einschlagen, um an der Herde vorbeizukommen oder aber geduldig abwarten, bis die Herde an uns vorbeigezogen ist. Vergessen wir nicht, dass wir uns im Urlaub befinden, der Hirte und sein Hund aber nicht: Respektieren wir ihre Arbeit.

Gibt es Präventionsmaßnahmen gegen Wolfattacken auf Haustiere?

Es gibt verschiedene Methoden der Prävention, um Schäden durch Wolfangriffe auf Haustiere, wenn schon nicht ganz auszuschalten, so diese zumindest einzudämmen. Die „absolut beste“ Vorbeugungsmaßnahme gibt es aber nicht: je nach Art des landwirtschaftlichen Betriebes oder nach Methode der Weidebestoßung, kann sich eine Vorbeugemaßnahme besser geeignet als eine andere erweisen. Jedenfalls, die beiden am häufigsten eingesetzten Präventionsmaßnahmen sind der einfache oder auch doppelte Elektrozaun, um die Tierherde vor allem nachts in der Weidekoppel zusammenzuhalten und als zweite Schutzmaßnahme der Einsatz von Herdenschutzhunden. Mit Sicherheit führt der kombinierte Einsatz mehrerer Vorbeugemaßnahmen zum besten Herdenschutz. Welche Vorbeugemaßnahmen auch immer zum Einsatz kommen, bleibt die Anwesenheit des Hirten auf der Alm unerlässlich, damit die Präventionsmaßnahmen auch effizient sind: Es ist der Hirte, der entscheidet, wie die Elektroschutzzäune aufgestellt werden müssen und es ist und bleibt der Hirte, welcher die abgerichteten Herdenschutzhunde beaufsichtigt. All dies bedeutet einen Mehraufwand an Arbeit und einen erhöhten, nicht unbedeutenden Zusatzstress. Derzeit werden auch optische und akustische Warngeräte getestet, wie die sogenannten „Fladry“. Es sind dies rote Fähnlein von 8×50 cm, welche in einem Abstand von 50 cm auf einem Nylonfaden aufgefädelt sind. Feldversuche im Ausland haben ergeben, dass der Wolf diese optischen Barrieren nur schwer überwindet. Die akustischen Abschreckvorrichtungen bestehen aus Schallgeräten, welche zeitgesteuert Warngeräusche aussenden. Es hat sich gezeigt, dass der Abschreckeffekt dieser Geräte nur kurzzeitig andauert und nicht langzeittauglich ist.

Schlagen Wölfe auch Haustiere?

Ja: Wenn Wölfe Gelegenheit dazu haben, greifen sie Haustiere an. Ohne Herdenschutz-Maßnahmen sind Haustiere verletzlicher, das heißt auch leichter zu erbeuten als jede Wildtierart. Die am häufigsten vom Wolf während der Almsömmerung angegriffenen Haustiere sind Schafe und Ziegen, Tierarten mit reduzierter Körpergröße, aber auch Kälber und Fohlen. Italienweit betrachtet ist der Verlust von Haustieren durch Wolfrisse ein nicht in das Gewicht fallender Anteil am Gesamtverlust an Weidetieren. In einigen Fällen, und umgelegt auf den einzelnen Züchter, kann der Schaden beträchtliche Dimensionen annehmen.
Manchmal sind die indirekten Schäden gravierender als die direkten Schäden durch den Beuteriss. Diese indirekten Schäden bestehen im Verwerfen, in den Verletzungen, in der Flucht der Tiere und in der Abnahme der Milchleistung. In den Gebieten, wo der Wolf erst seit kurzer Zeit wieder zurückgekehrt ist, sind die Konfliktsituationen zwischen Tierzüchtern und Wolf verschärft, weil in diesen Gebieten die Gepflogenheit verloren gegangen ist, mit dem Wolf zusammen zu leben, die Weitetiere auf der Alm zu behüten und andere Systeme gegen die Attacken des Beutegreifers anzuwenden.

Werden verletzte Wölfe, einmal gesund gepflegt und genesen, wieder in die Natur entlassen?

Verletzte Wölfe werden gesund gepflegt, um sie in der kürzest möglichen Zeit wieder in die Wildbahn zu entlassen. Nur in jenen Fällen, in welche die Verletzungen oder Unfälle zu Dauerschäden führen oder wenn der Pflegeaufenthalt in Gefangenschaft zu lange andauert, um eine erfolgreiche Freilassung in die Natur zu gefährden, verbleiben die Wölfe in Tierfreigehegen.

Sind die Überbleibsel von toten Tieren, welche man manchmal bei Wanderungen im Gebirge findet, Beutereste von Wolfsrissen?

Das ist eine gute Frage, auf welche manchmal auch ein Spezialist keine 100%ig sichere Antwort geben kann, zumal dann, wenn seit dem Riss schon eine bestimmte Zeit verstrichen ist. In einigen Fällen ist es aus der Bewertung des Auffindungsortes, der Risstechnik und des Fraßbildes möglich, eine frische Beute mit einiger Sicherheit einem Wolf als vielmehr einem streunenden Hund zuzuordnen. Aber der Großteil der Knochen und Skelette, welche man entlang von Wandersteigen findet, stammt von Tieren, welche aus verschiedenen Gründen verendet sind (Krankheit, Lawinentod, Altersschwäche, Unfall). Solche Knochenreste von toten Tieren sind dann von anderen Beutegreifern wie etwa Fuchs oder Bartgeier schon vom Muskelfleisch befreit worden. Die verwertbaren Feinteile haben dann noch Insekten und die Ameisen verwertet.

Was frisst der Wolf?

Der Wolf ist ein opportunistischer Beutegreifer mit einem breiten Nahrungsspektrum. Er ist das Gegenteil eines wählerischen Selektierers. Auch wenn seine bevorzugte Beute die Huftiere unter den Wildtieren (vor allem Rotwild, Reh, Damwild, Gämse, Mufflon und Wildschwein) sind, verschmäht er weder Haustiere noch Aas. Sehr selten nimmt er Früchte an und – vielleicht früher öfter als heute – Abfälle. Der tägliche Fleischbedarf eines Wolfes wurde auf 3 – 5 kg geschätzt. Der Bedarf nimmt während der Aufzucht der Jungen zu. Wölfe können Hunger ohne jedwede Nahrungsaufnahme über mehrere Tage überstehen und dann bis zu 10 kg Fleisch in einer Mahlzeit verzehren. Diese Anpassung ist überlebenswichtig, wenn man bedenkt, dass nur jede zehnte Jagd des Wolfes erfolgreich ist.

Wie erklärt sich die menschliche Angst vor dem Wolf?

Wir Menschen sind, wie alle anderen Lebewesen, das Ergebnis einer langen Evolutionsgeschichte. In dieser evolutionären Entwicklung gehört unsere Angst vor den Beutegreifern dazu, welche Tausende von Jahren unsere Feinde und Nahrungskonkurrenten unserer Almen waren. Auf der Basis dieser geerbten Furcht, die wir in uns tragen, sind im Laufe von Jahrhunderten Legenden, Gerüchte und Fabeln gewachsen, welche den Wolf allesamt als den Inbegriff des Bösen schildern, ausgehend von den wenigen, aber tatsächlich für die Vergangenheit dokumentierten, Angriffen des Wolfes auf den Menschen. Unsere heutigen Einstellungen und Aktionen gegenüber dem Wolf können und müssen aber von der Vernunft inspiriert und von unseren Kenntnissen getragen sein: Eine von Vorsicht geprägte Haltung ist gegenüber der großen Beutegreifer angeraten. Viele unserer kulturellen Einstellungen haben unsere Vorstellung vom Wolf (und vom Braunbären) verstellt und in diese Tiere menschliche Züge hineingelegt mit wenigen menschlichen Vorzügen und vielen menschlichen Fehlern. Häufig sind Wolf und Bär als das fleischgewordene absolute Böse gezeichnet worden. Aber wer ist der Wolf wirklich?
Der Wolf ist einfach eine fleischfressende Art unter den Wildtieren, zu dem uns die wissenschaftliche Forschung gelernt hat, Neugier, Staunen und Respekt zu zeigen. Dabei ist es nicht leicht, zwischen uns Menschen und dem Wolf die richtige Distanz zu legen: Es geht darum zu lernen, zum Wildtier eine Beziehung aufzubauen und es dabei zu respektieren, ohne sich einzuschalten, weder durch Zutraulichkeit noch durch Angst.

Ist der Wolf für den Menschen gefährlich?

In der Vergangenheit waren Angriffe von Wölfen auf Menschen in ländlichen und Berggebieten dokumentiert worden. Diese Angriffe waren unter wesentlich anderen Umständen zustande gekommen: Damals war die Bevölkerungsdichte des Menschen in diesen Räumen höher, aber die Verfügbarkeit von Beutetieren aus den Wildtieren sehr viel niedriger. Außerdem war ein Großteil der Wolfattacken auf Menschen auf den Tollwutbefall der Wölfe zurückzuführen. Die Tollwut ist in Italien aber in den Jahren zwischen 1997 und 2008 nicht mehr dokumentiert worden. Nach einzelnen Fällen von Tollwut, welche in den Jahren 2008 – 2011 und eingegrenzt auf Gebiete Nordost-Italiens belegt wurden, gilt Italien heute als Tollwut-freies-Gebiet. Die offizielle Erklärung als Tollwut-freies-Gebiet gemäß den Kriterien der Internationalen Organisation für die Tiergesundheit wurde dank einer Impfkampagne bei Füchsen und dank anderer Maßnahmen erreicht, nachdem der letzte nachgewiesene Fall von Tollwut vom 14. Februar 2011 mehr als zwei Jahre zurückliegt. Die Wahrscheinlichkeit, heute von einem tollwütigen Wolf als Mensch angegriffen zu werden, ist daher faktisch nicht mehr gegeben. In der Vergangenheit waren die Opfer von Wolfsangriffen Kinder, welche als Hüterbuben das Weidevieh alleine beaufsichtigen mussten. Diese Praxis der Kinderarbeit war in Italien bis in das 19. Jahrhundert verbreitet. Heute so wie früher ist der Wolf ein opportunistischer und intelligenter Beutegreifer: Der Mensch gehört nicht zur möglichen Beute des Wolfes. Der Wolf identifiziert den Menschen als eine Bedrohung für sich, aus der er sich so schnell als möglich zurückzuziehen gilt. In der heutigen Situation mit ausreichendem Beuteangebot aus der Natur und im Kontext der heutigen ökologischen und sozialen Gegebenheiten gehören Attacken auf schwierige und potentiell für ihn gefährliche Ziele wie Menschen nicht zu den Strategien des intelligenten Fleischfressers Wolf. In der Tat, in Italien sind zumindest seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges keine Angriffe von Wölfen auf Menschen mehr zu verzeichnen gewesen. Eine erschöpfende und interessante wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2002 zur Gefährlichkeit des Wolfes, erstellt von der „Large Carnivores Initiative for Europe“ ist in der englischen und französischen Sprachversion aus dem Internet herunterzuladen. Die Studie trägt den Titel “The Fear of Wolves: A Review of Wolf Attacks on Humans”.

Wann und wie stark pflanzen sich Wölfe fort?

Die Wölfe zeitigen nur einen Wurf im Jahr. Die Paarung erfolgt zwischen Februar und März und in der Regel pflanzt sich nur das dominante Paar fort, welches aus dem Alpha-Rüden und der Alpha-Wölfin gebildet wird. Die Jungen werden zwischen Ende April und Mitte Mai nach einer Tragzeit von 63 Tagen geboren. Die Wölfin wirft durchschnittlich 3 – 4 Junge je Wurf, aber im ersten Lebensjahr ist die Sterblichkeit unter den Jungen hoch und nicht alle erreichen das Erwachsenenalter.

Wie werden Wölfe gezählt?

Das Abschätzen der Anzahl von einzelnen Wölfen und von Wolfsrudeln erfolgt durch die Kombination verschiedener nicht invasiver schonender Techniken: beispielsweise die winterliche Zählung durch das Spurenlesen im Schnee (snowtracking). Das Vorspielen von Wolfsgeheul (wolf-howling) stimuliert die Wölfe der Umgebung zum Antworten. Daraus kann ebenfalls ihre Anzahl erhoben werden. Sichere Erhebungen können aus Aufnahmen mit Foto- und Filmfallen und aus der Bestimmung der genetischen Erbsubstanz aus aufgefundenen Wolfhaaren oder –exkrementen gewonnen werden. Die genetischen Erhebungen fußen auf der Analyse der DNA in den Ausscheidungen der Wölfe oder anderer biologischer Proben, wie von Haaren, Gewebeteilen oder Speichel. Aus den genetischen Analysen kann für jedes Individuum der Wölfe sein Genotypus rekonstruiert werden. Dieser Genotyp stellt für jeden untersuchten Wolf eine Art Identitätskarte dar. Dabei wird für gewöhnlich jedem Wolf ein Buchstabe für sein Geschlecht (M für männlich und W für weiblich) und eine fortlaufende Nummer zugeordnet. Die genetische Analyse erlaubt auch das Studium der Ortswechsel der einzelnen Wölfe im Lauf der Jahreszeiten und das Abschätzen der Anzahl der Wölfe in einem bestimmten Territorium ohne die Tiere einfangen zu müssen.
Die Abschätzung der Mindestanzahl der anwesenden Wölfe ist aber nicht die einzige wichtige Kennzahl. Es ist das Rudel die Grundeinheit, nach welchen die Wölfe erfasst werden. Dies deshalb, weil das Rudel für die stabile Präsenz des Wolfes in einem Territorium steht und weil das Rudel am einfachsten in diesem Territorium dokumentierbar ist. Als Rudel gilt eine Gruppe von Wölfen, welche von mehr als zwei Individuen gebildet wird und/oder die Fortpflanzung dokumentiert worden ist oder aber auch wenn zwei Individuen unterschiedlichen Geschlechts ein Territorium für mindestens zwei aufeinanderfolgende Jahre besetzen. Es versteht sich, dass das aussagekräftige Monitoring der Wolfspopulation auf der großen Ebene des gesamten Alpenbogens des komplexen und koordinierten Arbeitseinsatzes einer größeren Mannschaft bedarf. Die Arbeit im Gelände muss dabei systematisch erfolgen und von geschultem und speziell dazu ausgebildetem Personal ausgeführt werden.

Wieviele Wölfe gibt es in den Alpen?

Der letzte Bericht der Arbeitsgruppe „Wolf Alpine Group“ (2014) belegt für das Jahr 2012 35 Wolfsrudel und 6 Wolfspaare im gesamten Alpenbogen. Mit Ausnahme von je einem Rudel, welches in Slowenien und in der Schweiz nachgewiesen werden konnte, hielten sich im Jahre 2012 alle anderen Rudel in den Westalpen in Frankreich und in Italien auf. In den Westalpen gibt es zwischen 1993 und 2013 in Sachen Ausbreitung des Wolfes einen positiven Trend: Allein die Anzahl der Rudel in den Piemonteser Alpen ist im Zeitraum von 1999 – 2012 von 1 auf 14 Rudel angewachsen, wobei für 2012 eine Mindestzahl von 50 Wölfen geschätzt wird. (Datenquelle: Projekt Wolf Piemont, Bericht 2011 – 2012). Für das Jahr 2013 konnte die Bildung eines Rudels in den Lessinischen Alpen als Teil der Ostalpen an der Landesgrenze zwischen dem Trentino und Venetien dokumentiert werden. Dabei handelt es sich um das erste Rudel, dessen Weibchen aus der Wolf-Population der Apenninen stammt, während der Rüde ein Wolf aus der dinarischen Population ist.

Warum besiedeln die Wölfe die Alpen?

Viele fragen sich „Warum kehrt der Wolf zurück? Was hält ihn an, sein Territorium fortwährend zu erweitern und dabei lange Distanzen zurückzulegen?“ Die Antwort auf diese Fragen ist in der Biologie des Wolfes begründet. Die Schlüsselbegriffe sind Rudelbildung, Territorium und Ausbreitungstendenz.
Die Wölfe sind in Rudel organisiert, welche Familieneinheiten betreffen, die ein gut definiertes Territorium besetzen. Innerhalb der Grenzen eines solchen Territoriums duldet das Rudel keine rudelfremden Wölfe. An der Spitze des Rudels steht das Alpha-Paar, welches vom dominierenden Weibchen und vom dominierenden Rüden und von den diesjährigen Jungen und gelegentlich sich anschließenden Wölfen gebildet wird. Das Alpha-Paar ist das einzige das sich fortpflanzt. In Italien beträgt die durchschnittliche Rudelgröße 5 Individuen, sie kann zwischen 2 und 7 Tieren schwanken. In jeder Generation stehen die Jungwölfe, welche die Geschlechtsreife erreichen, vor zwei Optionen: entweder im Rudel als untergeordnete Wölfe zu verbleiben, mit der Aussicht, vielleicht einmal zum Alpha-Wolf aufzusteigen oder das Rudel auf der Suche nach einem neuen Territorium zu verlassen und ein neues Rudel mit einem Partner des anderen Geschlechtes zu gründen. Häufig ist diese zweite Option eine zwingende Wahl, weil das Territorium des Ursprungsrudels nicht ausreichend Nahrung bietet, um eine größere Anzahl von Tieren zu ernähren. Wenn die Jungwölfe das Rudel auf der Suche nach einem neuen Territorium verlassen, spricht man von Dispersion. Wenn wir davon ausgehen, dass das Territorium eines jeden Rudels in den Alpen eine Flächenausdehnung zwischen 150 und 400 km² umfasst, ist es verständlich, dass Wölfe in Dispersion lange Wanderstrecken zurücklegen, um sich in einem neuen Gebiet anzusiedeln. Wenn wir weiters berücksichtigen, dass der Wolf innerhalb von 24 Stunden und dabei vorwiegend nachts Strecken von über 50 km zurücklegen, verstehen wir, dass eine Ausbreitung im Laufe verschiedener Generationen nicht nur eine geografische Erweiterung des Gebietes vom Apennin in die Alpen beinhaltet, sondern aus biologischen Notwendigkeiten der Art zu ihrer Ernährung gegeben ist.
Mit Sicherheit ist die Ausdehnung des Wolfes durch eine Reihe von Faktoren begünstigt worden: die Entsiedlung des ländlichen Raumes und des Berggebietes mit der nachfolgenden Zunahme der Waldflächen, die Zunahme des Beuteangebotes, das den Wölfen zur Verfügung steht, der gesetzliche Schutz der Art und die Sensibilisierung der öffentlichen Meinung.

Wie sind die Wölfe in die Alpen zurückgekehrt?

Auf eigenen Pfoten. Im Unterschied zu anderen Arten, welche aus unseren Bergen vollkommen oder teilweise verschwunden waren und durch den Menschen wiederangesiedelt wurden, wie z.B. des gänzlich ausgerotteten Bartgeiers oder des Steinbockes, der nur im Nationalpark Gran Paradiso mit wenigen Exemplaren überlebt hatte, ist die Rückkehr des Wolfes eine natürliche und spontane, welche durch einige Faktoren begünstigt wird. Die Entsiedlung der Hochlagen und der ländlichen Gebiete in den Bergen haben zu einer Zunahme der bewaldeten Flächen und der Huftiere (Reh, Wildschwein, Damwild, Rothirsch, Gämse, u.a.) geführt, von welchen sich der Wolf ernährt. Das verbesserte Nahrungsangebot und der auf nationaler und europäischer Ebene dekretierte Schutz haben zusätzliche günstige Bedingungen für die Rückkehr des Wolfes in die Alpen geschaffen.

Woher kommen die Wölfe der Alpen?

Die Wölfe, welche die Westalpen stabil besiedelt haben und heute in den Zentral- und Ostalpen in den ersten Exemplaren auftauchen, gehören zur italienischen Population des Wolfes. Sie sind direkte Abkömmlinge der Wölfe, welche die Ausrottung in den 70er Jahren im zentralen und südlichen Apennin überlebt haben. Seither haben sie zunächst den nördlichen Apennin wiederbesiedelt, um anschließend durch natürliche Ausbreitung in den 90er Jahren schrittweise die Westalpen zu erreichen. Heute treten in den Zentral- und Ostalpen durch natürliche Ausbreitung auch die ersten Individuen von Wölfen aus der dinarischen Population in Slowenien auf.